

Manifest
LEBENSWERTER LEBENSRAUM
Status: Phase 3 – Diskurs
Stand Mai 2026.
Utopien und Impulse — Kurzfassungen aller sechs Manifeste, Stand 21. Mai 2026. PDF, 4,8 MB — geht in einem neuen Tab auf. Über Mobilfunk dauert das kurz.
Perspektive
Unsere Lebensqualität wird maßgeblich von unserem Lebensraum geprägt. Das wollen wir in klaren Worten auf vier Seiten kurz darstellen, oft auch in provokanter Wortwahl. Sie hilft, weil sie uns weh tut. Ohne Schmerz keine Heilung. Die Zukunft wird es uns danken. Die Jungen werden es erleben. So oder so.
Wie und wo wohnen und arbeiten wir, treffen wir andere Menschen, tauschen wir uns aus, kaufen wir ein, helfen wir einander, spielen unsere Kinder, finden wir Erlebnis und Erholung?
Der Lebensraum wird durch die Themen Architektur, Bau, Raum, Mobilität und Energie bestimmt. Die Ver- und Entsorgung für alle Bedürfnisse unseres Lebens spielt eine zentrale Rolle. Diese Themen hängen zusammen, sind ganzheitlich zu verstehen und zu lösen. Das muss bei der Bildung beginnen. Auch alle anderen Themen wie Wirtschaft, Gesellschaft, Gesundheit sind im Gesamtkontext zu sehen. Das ist uns wichtig. Trennungen in den Köpfen bewirken getrennte Denkprozesse, Handlungsweisen und Lösungen. Dem Lebensraum der Zukunft tut das nicht gut.
Konsequent haben wir das Manifest nach Zukunftsthemen gegliedert und nicht nach Disziplinen. Nach Utopien und Vorbildern handeln wir ganzheitlich vier interdisziplinäre Themen ab: Urbanisierung, Nachhaltigkeit, neue Technologien und gesellschaftlicher Wandel.
Utopie
Unsere erste Utopie heißt Lebensraum-Verantwortung. Von welchen Themen und Werten diese Verantwortung geleitet werden soll, stellen wir in zwei weiteren Utopien – Lebensraum-Zukunftsthemen und Lebensraum-Werte – dar.
Vorbilder im Großen, etwa in den Ballungsräumen Barcelona und Paris, und Beispiele von Kleinstädten, Grätzeln (für Nicht-Wiener: Stadtquartier, Stadtviertel) und Dörfern zeigen Wege auf, wie Zukunft funktionieren kann. Die Chancengleichheit zwischen Stadt und Land darf keine Utopie sein. Digitalisierung und Mobilität bieten heute die Chance, das Leben am Land und in der Peripherie wirtschaftlich und sozial attraktiv zu gestalten. Zu oft hinken organisatorische, technische und gesellschaftliche Entwicklungen am Land hinterher, sodass immer noch großer Zuzug in die Städte herrscht. Dem ist entgegenzuwirken.
Bereitstellung, Verteilung, Verbrauch von Energie sind weltweit unzeitgemäß organisiert, was zu schweren Konsequenzen für Wirtschaft, Umwelt und Politik führt. Die totale Abhängigkeit der Welt von fossilen Brennstoffen muss beendet werden. Wir sind überzeugt, dass Technologie und Wirtschaft radikal neue Wege finden werden, wenn die Politik die richtigen, langfristigen Weichen stellt. Nationale Lösungen, insbesondere kleiner Staaten, reichen dafür nicht aus.
Leistbares Wohnen sehen wir als zentrale Forderung, ebenso wie die Stadt der kurzen Wege mit neuen, wieder verstärkt dezentralen Wirtschaftsformen nahe an den Menschen.
Zwei markante Alltags-Beispiel zeigen uns die Chancen und Risiken: Das Auto hat uns viele Chancen eröffnet, uns aber vom Lebensraum entfremdet. Die Mobilität muss wieder zu gesunden Formen zurückfinden. Die Digitalisierung droht bereits mit der nächsten Entfremdungsfalle. Wie können wir sie nutzen, um den Lebensraum lebenswerter, bequemer und sicherer zu machen, ohne in digitale Isolation zu verfallen?
Mit den Lebensraum-Zukunftsthemen versuchen wir, kurz und prägnant zum Denken anzuregen. In kleinen Utopien beantworten wir unsere eigenen provokanten Überschriften.
Alle Aspekte des Lebensraumes zeigen die enge Verflechtung mit Gesellschaft, Wirtschaft und Gesundheit. Junge Menschen haben neue Prioritäten im Leben. Sie auszuloten, ihre Möglichkeiten und Grenzen darzustellen, sehen wir als Aufgabe im GenerationenDialog. Mit der Formulierung von Lebensraum-Werten wollen wir Konsens finden, was uns wichtig ist, wenn wir den Lebensraum der Zukunft vereinbaren und planen. Dafür sind geeignete Prozesse zu finden. Weder bringt uns zentralistische Planung weiter noch das Floriani-Prinzip des NIM- BY („not in my backyard“).
Sicher ist, dass unser Lebensraum von Werten bestimmt wird und dass lebenswerter Lebensraum teuer ist.
Ideenpool
Architektur, Bau, Lebensraum – zusammen denken, was zusammen gehört
Überwinden wir die Trennung von Ausbildung und Berufsausübung und damit die von Jugend an geprägte Spaltung in den Köpfen. Stärken wir das gemeinsame Bewusstsein für die Lebensraum-Verantwortung. Mit der Fachausbildung beginnend, an Hochschulen und Universitäten und in der Praxis die eingerissenen Trennlinien überwinden und immer mehr klar machen, dass es um unseren gemeinsamen Lebensraum geht, wenn wir planen, bauen und betreiben. Herkömmlich gedacht kann man das Thema Lebensraum den Disziplinen Architektur und Ingenieurwesen, Bauwesen, Raumordnung, Mobilität, Energie, Wasser, Abwasser und Abfall zuordnen. Aber genau das wollten wir nicht.
Unseren Lebensraum erhalten
Den Raum für Menschen nicht immer weiter zu Lasten der Natur ausweiten. Das gilt lokal und regional, bei der Zersiedelung und Versiegelung, in der Raumordnung, bei der Verdichtung in den Ballungsräumen, bei der Erhaltung zusammenhängender Naturräume in allen Erdteilen. Wir müssen gesunden und lebenswerten Lebensraum zurückgewinnen, wo wir ihn verdorben haben, wo wir Boden, Wasser und Luft verseucht haben, wo wir den Müll aus der Überfluss- Wirtschaft gelagert haben. Wir müssen Fehlentwicklungen wie überzogene Mobilität zurücknehmen, Wohnen, Arbeiten und Leben wieder räumlich vereinen, die Qualität der Nähe wieder schätzen lernen, räumlich und menschlich. Ressourcen schonen. Nachhaltig leben. Anreizsysteme ändern. Positiv argumentieren. Zukunftsorientiertes Leben ist kein Verzicht. Ganz im Gegenteil.
Infrastruktur ist öffentliche Aufgabe
Infrastruktur wirkt extrem langfristig und ist daher ebenso langfristig strategisch zu entscheiden. Kurzfristige wirtschaftliche und parteipolitische Überlegungen eignen sich dazu nicht. Infrastruktur ist grundsätzlich öffentliche Aufgabe, auch wenn im Rahmen öffentlicher Infrastruktur-Politik die private Wirtschaft gut einsetzbar ist.
Gebietsfusionen als Zukunftsmodell
Durch Fusion oder Verwaltungsgemeinschaften können Gemeinden und Regionen Kosten senken und ihre Fachkompetenz erhöhen. Die finanzielle Schlagkraft ist in größeren Verbänden besser. Effiziente Verwaltung darf nicht durch kurzfristige Klientel-Politik verhindert werden. Das soll jedoch nicht dazu führen, dass die kulturelle Vielfalt eingeschränkt wird.
Bauordnung und Raumordnung gegen Verschwendung richten
Der Wertzuwachs von Land durch Umwidmungen von Grünland zu Bauland (Widmungsgewinn) darf nicht nur Einzelnen zufallen, sondern muss dem Allge-
meinwohl dienen. Dies vermeidet die Verschwendung öffentlichen Kapitals und schafft Anreize gegen Spekulation. Überörtliche Vorgaben sollen so angepasst werden, dass es zwischen Gemeinden keinen Wettbewerb um neues Bauland gibt.
Bodenversiegelung begrenzen
Die Begrenzung der Bodenversiegelung ist für den Umwelt- und Klimaschutz relevant, da versiegelte Flächen keine Niederschläge aufnehmen können, das lokale Klima daher verschlechtern und der Boden für lange Zeit nicht mehr anders genutzt werden kann. Es ist dringend geboten, Maßnahmen zur Begrenzung der Bodenversiegelung zu setzen: planerische und rechtliche Maßnahmen wie verdichtetes Bauen in urbanen Bereichen, Sanierung statt Neubau, die Begrenzung von Flächenwidmungen und Entsiegelungsgebote von Seiten der Raumordnung und Raumplanung; technische Maßnahmen und Alternativen wie wasserdurchlässige Oberflächen und Bodenbeläge, Gründächer, Regenwassermanagement; regionale und ökonomische Ansätze wie Flächenzertifikate und Planungsinstrumente für Gemeinden. Österreich sollte den Bodenverbrauch rasch dramatisch senken.
Lebensdauer und Funktionserhaltung von Bauten und technischen Anlagen neu denken
Die Bau- und Anlagenvorschriften müssen darauf ausgerichtet werden, vorzeitige Verschwendung von Ressourcen und Kapital zu unterbinden, die durch mangelnde Langlebigkeit und aufwändige Instandhaltung entsteht. Es braucht gesetzliche Mindestanforderungen an die technische Lebensdauer und Robustheit wichtiger Bauteile und technischer Anlagen, um den frühzeitigen Austausch zu vermeiden. Der Lebenszyklus von Bauwerken muss entscheidendes Kriterium bei Planung und Vergaben werden.
Gründerzeithaus 2.0
Dieser Begriff steht für Flexibilität, Modularität, Klimaresilienz und einfaches Bauen. Es ist ein Haus, das den Anspruch hat, unendlich lange zu leben. Seine Lebensdauer begrenzt sich nicht durch technische Abnutzung, sondern durch seine Möglichkeit, sich immer wieder neuen Funktionen anzupassen. Tut es dies nicht mehr, kehrt es in den Kreislauf zurück. Seine räumliche und funktionale Flexibilität hält das Haus am Leben. Das Haus der Zukunft wächst und schrumpft. Es ist einfach in der Konstruktion, intelligent in Gestaltung und Funktion und interagiert digital in der Nutzung. Es nutzt Low-Tech-Prinzipien und kennt zugleich das Potenzial von High-Tech-Lösungen. Das Gründerzeithaus 2.0 muss nicht neu gebaut werden. Es ist primär ein Konzept der Aufrüstung des Bestandes.
Bauen völlig neu denken
Bauen ist „permanent prototyping“ mit oft anachronistischen, von Reibung geprägten Prozessen. Neue und alt-neue Materialien würden zur Verfügung stehen,
wenn wir die Anreize schaffen. Digitale und zunehmend automatisierte Prozesse in Planung, Bau und Betrieb entwickeln sich rasch. Der Erhalt des Bestehenden ist immer weiter zu forcieren. Wir müssen lernen, so zu bauen, dass immer neue Nutzungen in einer schnelllebigen Zeit möglich werden. Kreislaufwirtschaft und Lebenszyklus-Optimierung müssen von Schlagworten zur täglichen Praxis werden. Auch hier wird die Digitalisierung helfen.
Radikale Digitalisierung
Es muss gelingen, digitale Informations- und Steuersysteme für den regionale ÖV so einfach zu machen, dass sie alle erreichen und von allen angenommen werden. Die „letzte Meile“ darf in Zeiten der Digitalisierung kein Problem darstellen, auch nicht für Menschen, die nicht als „digital natives“ aufgewachsen sind. Die Peripherie muss für alle bequem und leistbar öffentlich erreichbar sein.
Weise mit neuen Technologien umgehen
Neue Technologien sind nicht aufzuhalten und ihrem Wesen nach neutral. Die Digitalisierung ist so einsetzen, dass sie uns hilft, nicht schadet. Was banal klingt, ist hoch komplex, aber daran wird kein Weg vorbeiführen. Das war bei allen neuen Technologien so. Das Auto kann ein bequemes Fortbewegungsmittel oder eine tödliche Waffe sein. Die Atomkraft kann uns Energie spenden oder unsere Zivilisation auslöschen. Plastik hat viele positive Anwendungen, aber stellt ein extremes Umweltproblem dar. Daten und AI können unser Leben revolutionär erleichtern, oder uns in den Überwachungsstaat führen.
Gesunder Verkehr
Jahrzehnte der Auto-Orientierung im Individualverkehr haben unseren Lebensraum massiv gestört. Dabei anerkennen wir die Bedeutung des Autos für unseren Wohlstand. Diese Phase war wichtig, aber sie muss in dieser Form zu Ende gehen. Der Öffentliche Verkehr wird in Europa forciert, noch mit vielen Unzukömmlichkeiten, aber bereits auf hohem Niveau. Ein drittes Modul fehlt: Rad fahren, zu Fuß gehen, ev. der E-Scooter. Wir nennen es Gesunder Verkehr. Indem wir ihn einführen, leisten wir einen Beitrag zur Prävention.
Ballungsräume als Lebensraum der Zukunft
Wenn Ballungsräume der Lebensraum der Zukunft sind (wonach es weltweit aussieht), müssen wir sie zukunftsgerecht gestalten und nicht dem Wildwuchs von Einzelinteressen überlassen. Ihnen gegenüber stehen periphere Rückzugsgebiete für Mensch und Natur, die ebenso sorgfältiger Planung bedürfen. Zwischen ihnen brauchen wir Verbindungen, die nicht so sehr die Umwelt belasten wie heute.
Nicht aufgeben, positiv global zu denken Kurzfristig, engstirnig, eigensinnig und kleinräumig – das sind vier Eigenschaften, die lebenswerten Lebensraum verhindern. Wir denken, planen und finanzieren in Legislaturperioden, nach Wahlumfragen und Stimmungslagen. Wir lassen uns von spezifischen Interessen im eigenen Umkreis bestimmen. Wir verhindern das Große, weil uns das Kleine stört. Wir verstehen unseren Lebensraum zu eng, bis uns der globale Zusammenhang auf den Kopf fällt. Es führt langfristig kein Weg daran vorbei, unseren Lebensraum als unseren Planeten zu verstehen. Für die großen Themen unseres Lebensraumes gibt es keine lokalen Lösungen. Vielfalt ist unsere Zukunft Wir werden gemeinsam leben. Die Wirtschaft wird global organisiert sein. In unseren Ballungsräumen und überall werden Menschen unterschiedlicher Kulturen gemeinsam leben. Dafür müssen wir Formen und Regeln finden. Als Zivilgesellschaft in Vielfalt zusammenleben – das gelingt uns noch nicht immer. Manche wollen zurück in Isolation, Gleiche mit Gleichen. Das wird kurzfristig und mit Krisen verbunden sein. Auch diese Phase muss sein, um den Lebensraum der Zukunft in den Köpfen aller Menschen entstehen zu lassen.




